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Winterwerft 2022 - Winterwerft
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Winterwerft 2022 - Entangled

Danke!

Die Winterwerft 2022 ist vorbei. Was bleibt? Ein Leuchten in den Augen, das sich dort erst einmal festgesetzt hat. Volle Herzen, müde vom Hüpfen. Bilder und Erinnerungen von Poesie, Gemeinschaft, Begegnung. Erschöpfung. Vor allem: Viele Fragen. Fragen, die uns die Richtung weisen, die uns aus der Komfortzone schütteln, Energie verleihen. Und manchmal vielleicht sogar die winzig kleine, zarte und verletzliche Spur einer Antwort. Spuren, die wir gemeinsam entdeckt haben und die nun unserer Pflege und gemeinsamen Aufmerksamkeit bedürfen auf dem Weg zu einer lebenswerten Zukunft für uns alle. Der Planet bebt, und wird weiter beben. Dieses Festival, die Winterwerft, ist uns ein sicherer Hafen um das zu tun, was es in diesen Zeiten braucht: Zusammenkommen. Sich in die Augen schauen. Fragen stellen.Allen, die es gewagt haben mit uns zu staunen, tanzen, nachzudenken, sagen wir hiermit: DANKE. Ohne euch geht es nicht. Bleibt neugierig, bleibt stark, bleibt empfindsam, aber vor allem: bleibt hoffnungsvoll.

ENTANGLED

verwoben, vernetzt, verschränkt, verflochten 

Die Winterwerft ist das Festival für wildes, organisches Theater. Für Theater am Ende der Welt, wie wir sie kennen. Für Theater, das wagt, unerschrocken, neugierig und fragend in die Abgründe dieser Zeit zu blicken. Noch vor der Suche nach konkreten Antworten ist die Winterwerft ein Ort, an dem durch kritisches, kreatives Hinterfragen der Perspektivwechsel gewagt werden soll. Hier ist Raum für all die Ansätze aus Theater, Tanz, Musik, Poesie, Malerei, Bildhauerei und Augenwischerei, die die Gangart wechseln, die den Schritt ins Unterholz wagen und Steine in den reißenden anthropozentrischen Strom werfen.

Kollaps

Im letzten Jahr stand die Winterwerft im Zeichen des Kollaps. Des Zusammenbruchs und Abgrunds, vor dem wir als Zivilisation, als Menschheit und auch persönlich immer weniger die Augen verschließen können.

Unsere Familienmitglieder sind über die Welt verstreut, wir kennen unsere Nachbarn nicht. Wir wissen nicht, wer unsere Kleidung und Nahrung produziert hat, woraus diese gemacht sind, noch woher sie kommen. Wir wissen nicht, für wen und was wir arbeiten.  Wir leben losgelöst von konkreten Landschaften und Orten und nennen es Flexibilität. Wir weisen uns selbst in Lohnarbeitsanstalten ein und nennen es Broterwerb. Wir praktizieren nicht-gelebtes Leben vor Mattscheiben. Und dabei sehen wir zu, wie die Welt brennt.

Immer mehr haben wir uns verstrickt in die Annahme, der Mensch als Sinn und Krone der Schöpfung sei irgendwie los- und herausgelöst aus der Familie des Lebendigen. Der Mensch als denkendes Wesen stehe einer vermeintlich unbeseelten Natur vor und über, ist gleichsam deren Gesetzen enthoben und dazu befähigt und befugt, die Ressourcen dieser toten Welt zu extrahieren, auszubeuten, sich zu eigen und zu nutzen zu machen.

Doch dieses Weltbild, die Geschichte, die uns an den Ort gebracht hat, an dem wir stehen, wird langsam brüchig. In Szenen von Dürren, von Überschwemmungen, von brennenden Wäldern, Müllhalden und Tierkadavern bekommt sie Risse und Löcher. Nach der Zukunft gefragt, glaubt heute kaum noch jemand, alles ginge gut. Wer früh genug geboren ist, anästhesiert die nagende Angst damit, die schlimmsten Auswirkungen nicht mehr mitzubekommen. Die junge Generation schreit währenddessen ihre Wut hinaus.

Wie verorten wir uns in dieser Gemengelage, und welche Verantwortung tragen wir als Kulturschaffende, als Geschichtenerzähler in diesen Zeiten der Unruhe und des Zusammenbruchs? Sollten wir den Pinsel schwenken um Bilder einer strahlenden Zukunft zu malen, wie sie uns heute lediglich als schaler Abklatsch in der Werbung oder in den blechernen Worten von Elon Musk begegnen? Wirklich utopische Bilder von Transformation und Neuanfang scheinen inmitten von Umweltzerstörung, Klimakatastrophe und sozialer Verwerfungen illusorischer denn je. Und doch birgt die gegenwärtige Situation auch ein ungeheures Potential zu Veränderung.

Der Blick in die Zukunft bringt uns nicht weiter. Und vielleicht wollen wir das auch gar nicht: „weiter“.

Was aber, wenn wir vor den großen Krisen unserer Zeit einmal den Blick senken und wieder in der Gegenwart ankommen? Wenn wir zu Boden schauen und den Raum, in dem wir leben, wieder wahrnehmen? Uns auf die Knie begeben, die Hände in die Erde stecken und nach den Wurzeln tasten, für die uns das Gespür vor vielen Jahrhunderten abhandengekommen ist? Nach den feinen Verbindungen und Netzwerken in die wir als Teil dieser Erde eingebunden, verwickelt und verknotet sind, ganz egal, wie viel Mühe wir uns geben, sie zu zerreißen?

Verwoben und verknotet

Unter dem Motto ENTANGLED wollen wir es mit der Winterwerft 2022 wagen, die Krone der Schöpfung einmal neben uns ins Gras zu legen und versuchen, uns als innigst und intimst verwobenen Teil dieses multidimensionalen, arten- wie generationenüberspannenden Netzwerkes des Lebens zu sehen. Statt Unabhängigkeit und Überlegenheit Interdependenz und Verletzlichkeit hereinlassen. Integrieren, statt separieren.

Dass wir auf das innerste und intimste verbunden und verwoben sind – und das weit über die Grenzen von Art, Stamm, Familie, Spezies oder Generationen hinaus – wird heute ausgerechnet von Seiten der Wissenschaften wieder mehr und mehr an uns herangetragen. Bäume etwa kommunizieren über ihre Wurzeln und mithilfe von Pilzstrukturen miteinander – kümmern sich, versorgen sich gegenseitig mit Nährstoffen und Informationen.

Uns selbst hat Covid, die Pandemie, überdeutlich gezeigt, wie sehr unsere Vernetzung und Verwobenheit auch Verletzlichkeit mit sich bringt: Weil irgendwo die Menschen in wertvolle Habitate für Tiere eindringen, deren Lebensräume beschränken, seltene und seltsame Arten fangen, in Käfige sperren und auf dichtem Raum verkaufen, verarbeiten und verwerten, entsteht eine globale Bedrohung, die unser Leben nun seit fast zwei Jahren prägt. Das zeigt, dass wir nichts von Nähe verstanden haben – aber auch, dass unsere Krise nicht nur eine biologische ist, sondern auch eine kulturelle. Sie zeigt, wie knapp der Platz auf diesem Planeten wird, wie sehr und wie gnadenlos wir in fragile Lebensräume und Zusammenhänge eingreifen. 60 % wildlebender Tiere sind in den vergangenen 50 Jahren verschwunden. Wurden geschlachtet, gejagt, erlegt, ihre Lebensgrundlagen, Landschaften und Ökosysteme zerstört und ausgebeutet vom Homo oeconomicus.

Wohin?

Es ist Zeit, innezuhalten und zu lauschen, und diese Zeit wollen wir uns mit der Winterwerft nehmen. Stolpernd, zärtlich, wild und wütend wollen wir versuchen dem und denen Stimme und Gestalt zu verleihen, die sonst oft ungehört bleiben, eben weil sie nicht mit menschlicher Stimme zu sprechen vermögen. Landschaften, Flüsse, Bienenschwärme, Ameisenhügel, Geister, Ahnen, Trolle und Waldgeister.

Wir wollen uns entziehen, entzivilisieren, de-anthropozentralisieren. Unsere Geschichte und Geschichten, Körper und Gedanken de-kolonialisieren.

Wir verstehen die Welt durch die Geschichten, die wir uns erzählen. Im Streit und Sturm um eine menschliche, artgerechte, lebenswerte Zukunft auf diesem Planeten gelingt es uns vielleicht mit den Mitteln von Theater und Tanz, von Musik und Poesie die Puzzlestücke und Fragmente neuer und alter Geschichten, Mythen, Tänze zu bergen, an die wir anknüpfen können. Die neue Perspektiven und Blickwinkel auf Homo Sapiens im Kreise seiner Mitwesen erlauben und so auch Begriffen wie Nachhaltigkeit, Resilienz oder Gemeinschaft neue radikale und unerwartete Aspekte andichten.

Als Geschichtenerzähler, als Kulturschaffende sehen wir hier unsere Rolle, unsere Aufgabe und Verantwortung. Schließt euch an, setzt euch in den Kreis – wir brauchen jede einzelne.